Wo es lang gehen soll

‚Mission’, sagte mir vor einiger Zeit eine Gesprächspartnerin, ‚muss heute doch nicht mehr sein. Wir sind tolerant, da darf doch jeder glauben, was er will’. ‚Ich will meinem Kind nichts überstülpen’, sagte ein anderer, ‚es soll einmal frei entscheiden, und deshalb lasse ich es nicht taufen und verzichte auf religiöse Bevormundung’ (will heißen: jegliche religiöse Erziehung).
Tun wir unseren Mitmenschen, tun wir vor allem unseren Kindern damit einen Gefallen? Ist er nicht so, dass sie fast nichts dringender brauchen als Orientierung, als hilfreiche Wegweisung fürs Leben? Nicht umsonst ist die Wertediskussion in unserer Gesellschaft wieder in vollem Gange und richten sich dabei so viele Erwartungen auch an die Kirche(n).
Wenn ich im Gebirge unterwegs bin, dann muss ich wissen,, wo es lang geht, welcher Weg zum, Ziel, ja vielleicht zum Gipfel führt, und welcher in den Abgrund. In der Wüste kann ich die ganze Zeit im Kreis gehen, da bedeutet den Weg wissen Leben.
Als Erwachsene haben wir unseren Kindern einiges an Erfahrung voraus. Wir sind es ihnen schuldig, sie daran teilhaben zulassen. Wen sie uns am Herzen liegen, dann werden wir natürlich alles tun, damit sie den richtigen Weg gehen – und das heißt: eine Weg, der für sie gut ist, der Leben bedeutet, der sie zum Gipfel führt, und alles tun, dass sie nicht Weg in den Abgrund einschlagen. Darauf zu verzichten bedeutet nicht Toleranz, sondern Gleichgültigkeit, ja Lieblosigkeit. Oft ist eine Kapitulation vor der Verantwortung – die der eigenen Orientierungslosigkeit der Erwachsenen entspringt.
Einen Weg, eine Richtung werden unsere Kinder auf jeden Fall einschlagen. Durch irgend welche Umwelteinflüsse werden sie auf jeden Fall geprägt, Spielkameraden, Fernsehen, Internet etc. werden dafür schon sorgen. Die Frage ist, ob dieser Weg gut ist für sie und ob wir ihre Entwicklung diesen ‚Instanzen’ überlassen wollen.. Als Eltern sind wir es ihnen schuldig, sie nicht in falsch verstandener Toleranz sich selbst und eben irgendwelchen Umwelteinflüssen überlassen, sondern ihnen hilfreiche Orientierung, hilfreiche Werte mit zu geben. Kinder erwarten dies und brauchen es, auch Jugendliche, auch und gerade die, an denen wir uns ständig reiben, die uns ständig widersprechen. Sie versuchen, in der Auseinandersetzung zu lernen, wo es lang gehen soll in ihrem Leben.
Die Bibel ist ein Buch voller solcher hilfreicher Lebenserfahrungen, die uns, direkt gesagt oder in Geschichten verpackt, weiter gegeben werden. Hätten ihre Verfasser unsere heutige ‚Toleranz’ genannte Gleichgültigkeit geteilt, keine Zeile hätten sie uns hinterlassen. So aber lesen wir davon, worin ein Geschwisterzwist münden kann (Kain und Abel), wohin es führt, wenn wir ‚den Turm bis an den Himmel bauen’ bzw. wie Gott sein wollen, lernen von Jesus, was es heißt, nach einem Streit einander zu vergeben und neu anzufangen, was die Gefahren materiellen Denkens sind, wie wir mit den vielen Sorgen des Alltags fertig werden können und so vieles mehr. Ich bin dankbar für diese Erfahrungen, die uns unsere Vorfahren im Glauben hier weiter gegeben haben. Und unsere Kinder werden uns dankbar sein für alles, was wir ihnen an Orientierung mit geben. In diesem Sinne darf ich ruhig ‚Missionar’ sein und von meinem Glauben und allem, was mir im Leben wichtig ist, weiter geben. Intolerant ist das nicht. Was Toleranz bedeutet, werden wir dann schon noch heraus finden müssen, wenn unsere Kinder in die Pubertät kommen und (hoffentlich) anfangen, ihre eigene Meinung zu haben. Tolerieren kann ich ja keine Beliebigkeit, sondern nur eine andere Meinung. Aber die müssen sich Menschen erst einmal bilden, und dafür brauchen sie, brauchen unsere Kinder erst einmal Hilfestellung. Das sind wir ihnen schuldig. Orientierung, Werte, den Glauben an etwas – das gehört zum Wichtigsten und Hilfreichsten, was wir ihnen mit auf den Weg geben können. Das sollten sie uns wert sein.

Winnender Zeitung 30.09.06

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