Ansprache bei der Trauerfeier für die Opfer des Amoklaufs

Schlosskirche Winnenden, 12.3.2009


Liebe Anwesende,

oft haben wir in den vergangenen Monaten und Jahren Berichte von Amokläufen im Fernsehen gesehen. Sie haben uns vielleicht erschaudern lassen, sie haben Kopfschütteln ausgelöst; wir haben, zumindest vor Erfurt, immer gedacht, so etwas könne nur in den USA, aber nicht bei uns geschehen. Oklahoma war weit weg, Alabama war weit weg – und selbst Erfurt war noch recht weit weg.
Aber nun hat sich dies von einem Moment auf den anderen geändert. Wir sind mittendrin. Menschen haben Kinder, Geschwister, Freunde verloren, andere haben das Geschehen mit erlebt, mit angesehen, mit gehört, viele haben selbst eine nie gekannte Angst durchlebt. Die meisten kennen zumindest jemanden, der jemand Nahestehendes verloren hat. Polizisten fanden Schreckliches vor, Helfer hatten niederschmetternde Nachrichten mitzuteilen. Auf brutale Weise ist alles plötzlich ganz nahe. Ohne gefragt worden zu sein finden wir uns gleichsam als Hauptakteure in einem Geschehen wieder, das wir noch gar nicht fassen können. Wir fühlen uns hilflos und auch fassungslos, als befänden wir uns in einem schlechten Film, aus dem wir wieder in die Wirklichkeit – die scheinbar so heile Welt vor dem Anschlag - zurück kehren möchten. Aber es ist nicht möglich.
Niemand, der es nicht selbst erlebt hat, kann voll und ganz ermessen, was es heißt, sein Kind oder seinen Freund zu verlieren. Ich kann darum nicht sagen: ich weiß, wie Ihnen als Angehörige zumute ist. Allerdings – wie viele andere hatten auch wir gestern ein Kind in einer Winnender Schule; wie viele andere haben auch wir die Angst kennen gelernt.
Wir alle sind wie betäubt. Und in uns bohren die Fragen. "Gott, wo warst du?" steht auf einem Zettel and Albertville-Realschule. "Warum?" stand groß über der heutigen Ausgabe der Winnender Zeitung, und es steht auf so vielen Zetteln in dem Kerzenmeer vor der Schule. Warum – so fragen wir sicher alle – warum konnte, durfte das geschehen? Warum, so fragen wir als Angehörige der Opfer, warum musste gerade unser Sohn, unsere Tochter dem Täter über den Weg laufen, zur falschen Zeit am falschen Ort sein? Was hat sie denn getan, womit hat er es denn verdient? Warum, Gott, lässt du so etwas zu, warum lässt du – wieder einmal – zu, dass das Böse so mächtig werden darf, warum greifst du nicht ein und verhinderst solche Dinge?
Viele von uns werden etwas von der Gottverlassenheit spüren, wie sie im 22. Psalm zum Ausdruck kommt, den wir vorher im Wechsel gesprochen haben: éMein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?' Es sind die Worte, mit denn auch Jesus am Kreuz starb. Es ist eine Klage, laut und unumwunden – und das ist, was auch wir tun dürfen und tun wollen mit diesem Gottesdienst. All das, was in uns ist an Trauer, an Fassungslosigkeit, Entsetzen, Verzweiflung – es muss heraus, und es darf heraus. Wir dürfen es Gott sagen, er hört uns und versteht uns. Wir dürfen Tränen vergießen, wir dürfen Gott unser Leid Gott klagen und mit ihm streiten – all das darf sein, das ist nicht unschicklich, das ist nicht unchristlich. Es steht schon in der Bibel. Es ist Teil unseres Lebens und unserer Beziehung zu Gott. Und so wollen wir zunächst einmal heute Abend alles in seine Hände legen. Viel mehr können wir nicht tun. Was kann ich schon erklären, wenn ich einem Ehepaar gegenübersitze, das sein einziges Kind, einem jungen Menschen, der seinen besten Freund verloren hat?
In diesem Zusammenhang ist für mich immer wieder wichtig, mir in Erinnerung zu rufen, zu welchem Gott wir beten als Christen. Er ist kein Gott, der hoch über uns schwebt, der sich zu fein ist für solch irdischen Dingen und menschlichen Nöte. Er ist ein Gott, der der uns nahe ist, der unsere Sorgen und Nöte sieht und versteht. Er ist in Jesus Christus Mensch geworden und hat selbst das tiefste Leid erfahren, ist gefoltert und ans Kreuz geschlagen, ermordet worden, unschuldig, nur für die Staatsräson. Er versteht uns, wo wir Ähnliches durchleben müssen. Unser Gott ist kein Schönwettergott, kein Gott der Spaßgesellschaft, der nur etwas von uns wissen will, wenn es leicht und einfach ist. Er ist ein Gott, der seine Nähe gerade in den schwierigen Abschnitten unseres Lebens zeigt. David hat gerade in den finsteren Tälern, Israel hat auf dem Weg durch die Wüste, und die ersten Christen haben in der Verfolgung erfahren, wer unser Gott ist, seine Nähe, haben erfahren, wir er unsichtbar mit ihnen ging und ihnen Kraft und Zuversicht gab.
Es ist der Gott, der uns durch Jesus Christus sagt: "Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt". Alle Tage – auch die schwierigen, auch die, die wir jetzt durchmachen müssen! Und er kann dies an jedem Ort dieser Welt. Dieser Wille und diese Fähigkeit, bei uns zu sein, ist vielleicht das Wichtigste an Jesu Christus – weniger, dass er vor 2000 Jahren tolle Taten vollbrachte – was würden sie uns jetzt schon helfen? – noch seine klugen Worte. Aber dass er bei uns ist – gerade in einer solchen Zeit.
Und dieses "Ich bin bei euch" soll auch erfahrbar werden in unserem menschlichen Umgang miteinander. Gott wirkt eben auch durch uns Menschen. Seine Nähe wird auch dadurch erfahrbar, wie wir einander nahe sind. Es hat in diesen Tagen viele schöne und wohltuende Zeichen der Solidarität gegeben. So viele Telefonanrufe, so viele Briefe und noch mehr e-mails haben mich in diesen Tagen erreicht und ihre Solidarität zum Ausdruck gebracht, aus aller Welt, zum Teil von Menschen, die mich überhaupt nicht kennen. Das tut gut. Ich bin auch dankbar für vieles, was geleistet wurde, schon am Tatort und danach. Polizisten waren schon nach wenigen Minuten am Tatort. Sie haben ihr Leben riskiert und damit verhindert, dass noch mehr dem Täter zum Opfer fielen. Wer sich am Nachmittag in der Hermann-Schwab-Halle aufhielt, konnte mitbekommen, wie viele Helfer, vom Roten Kreuz, der Notfallseelsorge, der Polizei, der Feuerwehr und anderen Einrichtungen über viele, viele Stunden im Einsatz waren, eine unglaubliche Menge an Zeit und Kraft für die Betroffenen aufwandten. Auch all dies sind konkrete Zeichen der Solidarität, des "Ich bin bei euch". Dafür dürfen wir heute auch dankbar sein.
Trauer ist ein langer Weg. Niemand von Ihnen als Angehörigen, niemand von uns als auf die eine oder andere Weise Betroffene kann heute schon ermessen, was der Verlust des Kindes, des Bruders oder der Schwester, des Freundes bedeutet. Das volle Ausmaß des Geschehenen wird uns allen wohl erst im Laufe der Zeit bewusst werden. Dabei sind wir unterschiedliche Menschen. Wir trauern als Menschen mit unterschiedlicher Erziehung, unterschiedlichem kulturellem Hintergrund, als Menschen verschiedener Generationen. Wir versuchen alle auf unterschiedliche Art, mit den Ereignissen fertig zu werden. Jugendliche haben dabei vielleicht manchmal eine Art, Schrecken zu verarbeiten, die Erwachsene als fremd oder gar unschicklich empfinden. Eines ist sicher: Wir werden in den kommenden Tagen und Wochen viel Geduld und Nachsicht miteinander haben müssen.
Und sicher ist auch: Die Betroffenen brauchen Begleitung, professionelle psychologische Begleitung. Wie will man alleine und ohne Hilfe Ereignisse verarbeiten, die sich auf solch schreckliche Weise ins Gedächtnis eingegraben haben? Es darf nicht dabei bleiben, dass wir hier ein paar Feiern abhalten und dann wieder zur Tagesordnung übergehen. Das sage ich auch bewusst in Anwesenheit der Vertreter der Kommunen, des Landkreises und des Landes. Zur Solidarität der Worte muss sich die Solidarität der Taten gesellen. Die Betroffenen brauchen für alle zugängliche und erschwingliche psychologische Hilfe. So wird das "Ich bin bei euch" Gottes auch konkret erfahrbar.
Wir alle empfinden in diesem Moment sicher eine große Ohnmacht. Die meisten werden sich sagen: "Was kann ich schon tun?" Aber wo wir alle zusammenrücken, auch alle Organisationen, die helfen können – staatliche Einrichtungen, Feuerwehr, Polizei, Kirchen, Vereine – dort vermögen wir etwas zu tun. Wir können das Geschehen nicht rückgängig machen, aber wir können vielleicht dazu beitragen, dass Menschen damit leben können. Wir können die Verstorbenen nicht mehr zum Leben erwecken, aber helfen, dass die anderen weiter leben können.

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