Ansprache bei der Kundgebung für ein friedliches Zusammenleben der Religionen in Winnenden am Samstag, 18. Februar 2006


Liebe Anwesende,

zuerst einmal möchte ich Sie und euch alle herzlich willkommen heißen im Namen der Organisatoren dieser Kundgebung, der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Winnenden, der methodistischen Kirchengemeinde und der Ditib Winnenden. In einer emotionsgeladenen Zeit, in der manche versuchen, Konflikte zu schüren und auf die Spitze zu treiben, unterstützt ihr mit eurer Anwesenheit das Anliegen dieser Kundgebung: Dass wir als Menschen mit unterschiedlichem Glauben in Frieden und guter Nachbarschaft zusammenleben wollen, ja die Vielzahl der Religionen nicht als Bedrohung, sondern als Herausforderung begreifen möchten. Dafür möchten wir – Muslime und Christen in Winnenden – heute gemeinsam ein Zeichen setzen.
Für die, die mich nicht kennen, darf ich mich kurz vorstellen: Mein Name ist Winfried Maier-Revoredo; ich bin Pfarrer der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde in Winnenden. Nach mir werden noch Vertreter der beiden anderen Veranstalter das Wort an euch richten: Herr Ali Ünal vom Verein Ditib Winnenden und Pastor Althöfer von der Evangelisch-Methodistischen Kirchengemeinde.
Die teilweise in einer dänischen Tageszeitung erschienen Karikaturen über Mohammed haben bei muslimischen Gläubigen Empörung ausgelöst. Als gläubiger Mensch, auch wenn ich einer anderen Religionsgemeinschaft angehöre, nehme ich das ernst. Hier wurde eine Grenze überschritten, wurden religiöse Gefühle verletzt. Und wenn Vertreter der Muslime berichten, dass sie bei westlichen Regierungen in dieser Sache vorstellig geworden und dabei auf völliges Unverständnis gestoßen sind, dann ist das auch für uns Christen kein erfreuliches Zeichen, zeigt es doch, wie stark offenbar das religiöse Empfinden nachgelassen hat in unseren westlichen Gesellschaften.
Auch die, die wir keine Muslime sind, müssen uns fragen, ob wir uns nicht schon zu sehr gewöhnt haben an den achtlosen Umgang mit dem Heiligen, an oft frivole und verletzende Darstellungen Jesu in Filmen und Bildern in unserer westlichen Medienlandschaft.
Zur Abwehr solcher Kritik wird immer wieder die Pressefreiheit bemüht. Die Freiheit in unserer westlichen Welt ist ein hohes Gut. Von der Religionsfreiheit, die sie beinhaltet, profitieren wir alle, auch unsere muslimischen Mitbürger. Dahinter kann es kein Zurück mehr geben. Und diese Freiheit schließt selbstverständlich auch die Pressefreiheit als ein hohes Gut ein.
Allerdings wissen wir als Christen, dass Freiheit nur dort gedeihen und Bestand haben kann, wo sie mit Nächstenliebe, mit der Achtung vor dem anderen gepaart ist. Dort, wo ich nicht alles tue, was ich kann und vielleicht auch rechtlich darf, sondern das, was unserem Zusammenleben förderlich ist. Wo ich mir selbst Grenzen zu setzen vermag, wo meine Freiheit an der Würde des anderen endet. Ohne diese Selbstdisziplin endet eine freie Gesellschaft im Chaos und im Faustrecht.
Viele, die diese Meinung teilen, beschäftigen freilich auch die Reaktionen auf die Karikaturen. Es hat friedliche Proteste gegeben, aber leider auch wohlorganisierte gewaltsame Reaktionen, unterschiedslose Bedrohungen europäischer Bürger, Zerstörungen europäischer Einrichtungen, nun ein Kopfgeld für die Tötung des Karikaturisten. Das ist auf keinen Fall akzeptabel. Gewalt ist keine Lösung! Wo heute Feuer gelegt wird, fließt morgen Blut. Gewalt schafft keine Achtung vor dem anderen, im Gegenteil. Gewalt löst keine Probleme, es schafft nur neue.
Es ist offensichtlich, dass es Kräfte gibt, die nur auf eine Gelegenheit wie die Mohammed-Karikaturen gewartet haben, die den großen Konflikt herbeisehen. Gerade deshalb wollen wir heute dieses Zeichen setzen, Muslime und Christen in Winnenden: Wir lassen uns nicht hinein ziehen in einen ‚Kampf der Kulturen’. Das ist nicht die Welt, in der wir leben wollen. Uns ist klar, dass eine solcher Kampf nur Chaos und Zerstörung bedeuten und dass die Gewalt, die einmal entfesselt wird, auch vor meiner Tür nicht halt machen wird. Wir alle, Muslime wie Christen, würden nur zu den Verlierern zählen.
Wir leben in einer Welt, die immer mehr zusammenrückt, hier in Winnenden wie auch in der ganzen Welt. Die Zukunft wird nicht so aussehen, dass alle, mit denen ich zu tun habe, meine Nationalität, meine Hautfarbe, meine Sprache und meinen Glauben haben, sondern ich werde immer mehr mit Menschen zu tun haben, die von anderer Nationalität und anderer Hautfarbe sind, die eine andere Sprache sprechen und etwas anderes glauben. Wie wir dieses Zusammenleben hinbekommen, das wird eine der großen Zukunftsfragen sein.
Heute geht es, wie der EKD-Ratspräsident Huber sagte, um einen ‚Kampf um Kultur’ – eine Kultur des Miteinanders in Achtung und Toleranz und der Besinnung auf gemeinsame Werte. Es geht um die Frage, in was für einer Welt wir in Zukunft leben möchten. Ich fordere euch auf: kämpft für eine Zukunft des Friedens und des Respekts, aber kämpft nicht mit Gewalt, nicht mir Waffen und Bomben, sondern mit guten Worten und dem eigenen Vorbild.
Damit dies möglich ist, arbeitet daran, ein Netz persönlicher Beziehungen aufzubauen. Geht aufeinander zu über die Grenzen der Religionsgemeinschaften hinweg. Wo Islam und Christentum anonyme Größen bleiben, ist es möglich, uns gegeneinander aufzuhetzen. Wo sich mit dem Islam oder dem Christentum ein Gesicht und ein konkreter Mensch verbindet, wird das kaum mehr möglich sein. Muslime und Christen haben eine lange und belastete Geschichte. Aber wir sind nicht zur Feindschaft verurteilt. Auch die jahrhundertealte Feindschaft zwischen Franzosen und Deutschen konnten wir überwinden – durch den politischen Willen und nicht zuletzt durch zahllose menschliche Begegnungen in Partnerschaften.
Wir haben es bislang hier in Winnenden geschafft, friedlich und gutnachbarschaftlich zusammen zu leben. Und mit unserer Kundgebung heute wollen wir klar und vernehmlich sagen: Das soll auch so bleiben. Was wir heute tun, ist natürlich nur ein kleines Zeichen, ein kleiner Tropfen auf den heißen Stein der weltweiten Spannungen. Aber wir brauchen diese vielen kleinen Tropfen an vielen Orten, die zusammen den heißen Stein kühlen können.
Noch ein abschließendes Wort zu den Religionen. Zu Recht beklagen wir den Missbrauch von Religion in unseren Tagen. Manchen mag dabei der Gedanke beschleichen: Wenn es nur keine Religionen gäbe, wenn die Menschen weniger glauben würden – dann sähe die Welt so friedlich aus!
Meine persönliche Erfahrung ist jedoch eine ganz andere: Wo es sich um mehr handelt als um einen Vorwand, um reine Tradition, um einen Gesetzeskatalog, wo in einem Menschen die tiefe Ehrfurcht vor Gott, dem Schöpfer wohnt und damit auch eine Ehrfurcht vor allem Geschaffenen, vor allem Leben, da gibt es keinen stärkeren Motor für den Frieden als den Glauben. Und der, dem selbst etwas heilig ist, versteht auch, was dem anderen heilig ist. In diesem Sinne rufe ich muslimische und christliche Gläubige auf: Stärkt den Glauben! Gerade meine christlichen Geschwister unterliegen immer wieder dem Irrtum, dass Toleranz bedeuten müsse, sich und seinen Glauben zu verstecken. Das Gegenteil ist der Fall. Zeigt euch, werdet erkennbar als Christen in dieser Gesellschaft und in unserer Stadt. Lebt euren Glauben und stärkt damit den Frieden!

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